Ein Rundgang durchs Abaton


Werner Nöfer
die Wandmalereien Werner Nöfers
im Hamburger ABATON

von Marvin Altner
Kunsthalle Hamburg





„Wie zu alten Zeiten!“ so lautet der am häufigsten geäußerte Kommentar von Passanten zur Wiederherstellung der Wandmalereien des Hamburger Künstlers Werner Nöfer im Eingangsbereich des ABATON-Kinos am Grindelhof. Tatsächlich fühlt man sich, auch ohne die Originale von 1970 zu kennen, in die Zeit um 1968 zurückversetzt: die leuchtenden Farben der strahlenförmig angelegten Landschaftszeichen, ihre radikale Einfachheit, konnte nur zu einem präzisen Zeitpunkt in der deutschen Kulturlandschaft als Freiheitsversprechen erscheinen und visuelle Befreiung real bewirken.

So sehen das Werner Grassmann und Winfried Fedder, die Gründer des ABATON-Kinos. Grassmann, der damals wie heute unternehmungslustige Filmenthusiast, dem es mit Leichtigkeit gelingt, Idealismus als Selbstverständlichkeit zum Ausdruck zu bringen (und damit eine der unbestritten guten Seiten der 68er Kultur zu verkörpern), hat sichtliches Vergnügen an dem Wandbild, das einmal aus einem Freundschaftsakt entstanden war und als dessen Retter er sich jetzt fühlen darf. Denn das Wandbild war beinahe zwanzig Jahre verborgen gewesen, nachdem Witterung und ein Wasserrohrbruch es weitgehend zerstört hatten.

Werner Nöfer, der 1937 in Essen geborene und seit 1959 bis heute in Hamburg lebende Künstler und Weltumsegler kann mit Zufriedenheit auf die zweite Wiederauferstehung eines seiner Kunst-am-Bau Projekte blicken, denn auch die 1968 als Gemeinschaftsarbeit mit Dieter Glasmacher realisierte Wandmalerei GRÜNSPAN, mit ca. 600 qm das größte Wandbild Hamburgs (Simon-von-Utrecht-Straße), ist vor fünf Jahren aufwendig restauriert worden. Nöfer hat sich seit den frühen 80er Jahren von der Gebrauchs- und künstlerischen Grafik ab- und stadtplanartigen Papierschnitten zugewendet und es ist spannend, nachzuvollziehen, wie aus der Straßenkunst seiner historischen Wandbilder die Straßenzüge seiner heutigen Papierarbeiten geworden sind.

Die Kompositionen im ABATON zeigen noch heute nicht nur die erfahrene Hand eines Künstlers, der von 1964 bis 1970 den Lebensunterhalt als Layout-Gruppenleiter bei der Werbeagentur McCann verdiente, sondern auch eine überzeugende künstlerische Form jenes gesellschaftlichen und künstlerischen Freiheitsverlangens, das aus dem Gefühl historischer Last nach dem Nationalsozialismus, dem Muff kleinbürgerlichen Wiederaufbaus und dem Materialismus der Wirtschaftswunderzeit erwachsen war.

Gemessen an diesen Horizonten erscheinen Nöfers Visionen als die Tabula rasa eines Grafikdesigners. Kein Gefühlsausbruch, keine Wildheit wie in vielen Kunst-Aktionen der 68er stattdessen die disziplinierten, geglätteten Felder einer Landschaft gesehen als Autobahn.

Vermittels schematischer Landschaftsdarstellungen in nur wenig variierenden Bildserien und klaren, kompakten Rahmungen erreicht Nöfer einen überraschenden Effekt: die Formen sind abstrakt und gegenständlich, offen und klar umgrenzt zugleich und dadurch entsteht die ebenso einprägsame wie ungreifbare Ästhetik einer wiedererkennbaren und doch leeren Welt. Diese Leere wird zu unterschiedlichen Zeiten verschieden rezipiert. War sie in den 70ern Ausdruck einer befreienden Einfachheit und der Hoffnung, mit technischen Mitteln eine weite Welt zu erobern, so ist sie heute, in einer Zeit ungekannter Dichte und Fülle visueller Reize und in einer Welt, die nach ihrer medialen Erfassung klein geworden ist, befremdend, weil die Bildreize fehlen und die offenen Horizonte nicht mehr für eine Utopie sprechen.

Die Vorlage für diese Wandbilder war ein Storyboard, das Nöfer für einen Experimentalfilm des Trickfilmregisseurs Kurt Rosenthal entworfen hatte. Beide bekamen für diesen Film, der im Übrigen auch STORYBOARD hieß, 1968 den Bundesfilmpreis. Für das ABATON ist diese Bildlichkeit Teil des Programms. Das ABATON als das älteste Programmkino Deutschlands zeigt auch in der Zeit der Multiplex-Kinos anspruchsvolle zeitgenössische sowie historische Filme, die es erlauben, die Gesellschafts- und Filmgeschichte zu reflektieren. Wenn also der heutige Kinogänger zur Linken die Plakate alter und neuer Filme und rechterhand die Nöfer-Bilder betrachtet, so bekommt er einen Einblick in diese Geschichte und er wird ahnen, daß die Wandmalereien etwas mit der Ästhetik von Kinobildern zu tun haben.

Gedankt sei Dirk Lüttjohann für die Rekonstruktion der Wandbilder, der Kunstkommission der Hamburger Kulturbehörde für die finanzielle Unterstützung sowie Werner Nöfer für seine Kooperation.

Marvin Altner
Kunsthalle Hamburg